Das grosse Übel der Bourgeoisie

Über die 68er, gute Manieren und Kleiderordnungen, ferner über die Sozialdemokratie, über Charles de
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ISBN-13:
9783853712177
Einband:
Broschiert
Erscheinungsdatum:
18.03.2004
Seiten:
144
Autor:
Thomas Rothschild
Gewicht:
159 g
SKU:
INF1100125935
Sprache:
Deutsch
Beschreibung:

Thomas Rothschild, geboren 1942, ist Österreicher und lehrt an der Universität Stuttgart, Literaturwissenschaft. Er erhielt 1992 den Österreichischen Staatspreis für Literaturktitik und 1997 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. Bisherige Buchveröffentlichungen: "Wolf Biermann. Liedermacher und Sozialist" (Hg., 1976); "Liedermacher. 23 Porträts" (1980); "Von großen und von kleinen Zeiten. Politische Lyrik von den Bauernkriegen bis zur Gegenwart" (Hg., 1981); "Geschichten aus der Geschichte der Sowjetunion" (Hg., 1990); "Erzähle, dass Du Dein Recht erweist - Ein Lesebuch zur jüdischen Geschichte" (Hg., 1992) "Die Verhackstückung der Wirklichkeit. Rundfunkkritische Beiträge aus zwölf Jahren" (1993); "Relax and Enjoy. Die totale Infantilisierun" (2. Auflage 1996); "Das Recht, anders zu sein. Aufsätze zur Politik" (1995) "Verspielte Gedanken. Aufsätze zu Literatur, Film und Medien aus zwei Jahrzehnten" (1996).
Ein hartnäckiges Gerücht besagt, die Alt-68er verfügten über die Diskurshoheit. Sie bestimmten, was in den Medien für bedeutsam gehalten und veröffentlicht werde. Das Gerücht sagt die Wahrheit. Freilich nur unter Hinzufügung einer Präzisierung. Es betrifft fast ausschließlich jene Alt-68er, die als strebsame Kritiker ihrer einstigen Überzeugungen längst die hämischsten Verächter ihrer früheren Ideale und all derer, die diesen noch anhängen, geworden sind und sich nun überschlagen in apologetischen Beteuerungen gegenüber dem Status quo. Was ihren Eifer nährt, der ihnen die Türen der Medien öffnet und den Beifall ihrer Gegner von gestern sichert, ob es purer Opportunismus ist, das Bedürfnis nach einer späten Versöhnung mit den oft nationalsozialistisch geprägten Eltern, der Wunsch, endlich einmal die Stallwärme der Wohlhabenden und Mächtigen zu teilen, oder partielle Demenz - wir werden es nicht erfahren.
Tatsache ist jedenfalls, dass seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, das nur besonders sture Kommunisten und besonders militante Antikommunisten für sozialistisch hielten, ein großer Teil derer, die sich einst als Linke gebärdeten, den diskreten Charme der Bourgeoisie für sich entdeckt hat. In schöner Parallelität zum globalen Hegemonialanspruch der USA preisen sie den Kapitalismus als einzige Alternative zur Barbarei. Als Wortführer der neuen Bürgerlichkeit profiliert sich zunehmend just die Sozialdemokratie, die sich einst als Teil einer Arbeiterbewegung verstand.
Die Bohème hatte den Bürger seit dem frühen Verrat an den Idealen der Französischen Revolution kritisch im Visier. Zahlreiche Künstler von Carl Sternheim und Bertolt Brecht über Otto Dix und George Grosz bis Sergej Eisenstein und Luis Buñuel haben dem Bourgeois ein satirisches Denkmal gesetzt. Aber es gab in den Künsten auch stets Gegenentwürfe zum Bourgeois: den rebellischen "Narren" (etwa Charles de Costers Thyl Ulenspiegel), den revolutionären Intellektuellen (etwa Ljutov in Isaak Babels Reiterarmee), die "Klassenverräterin" (etwa Irmgard Keuns Gilgi), den kauzigen Außenseiter (etwa in Frank Capras Film You Can't Take It With You), die mittellosen Aussteigerinnen (etwa in Alain Tanners Messidor), den klassenbewussten Arbeiter (etwa in den Filmen von Ken Loach). Auch die Rockmusik lässt sich als Gegenentwurf zur Welt der Bourgeoisie begreifen.
Vom Übel der Bourgeoisie, vom angeblich kleineren Übel der Sozialdemokratie und von Gegenentwürfen in Literatur, Film und Rock handelt das neue Buch von Thomas Rothschild.